Ich erkläre zunächst ein Gegenteil der Bescheidenheit, die Unbescheidenheit.
Hier ist ein Beispiel für ein unbescheidenes Verhalten:
Herbert hat einen Behindertenausweis. Herbert hat nämlich ein steifes Knie. In der Bahn beansprucht Herbert immer einen Sitzplatz. Einen zweiten Sitzplatz beansprucht Herbert für seinen Dackel Harro und in der Regel stellt er sogar seine Tasche auf einen weiteren Sitzplatz. Herbert belegt drei Sitzplätze. Er glaubt, ein Recht darauf zu haben. Wenn ihm beim Aussteigen niemand hilft, dann regt sich Herbert auf und denkt: „Unverschämt, mir nicht zu helfen! Das hätte es früher nicht gegeben!“
Herbert ist unbescheiden, weil Herbert mehr fordert als ihm zusteht. Herbert steht nur ein Platz zu, er beansprucht aber drei. Und Herbert hat keinen Anspruch darauf, dass ihm andere beim Aussteigen helfen. Er wirft aber innerlich den anderen Fahrgästen vor, ihm nicht zu helfen.
Unbescheidenheit besteht darin, mehr als einem zusteht zu fordern oder zu beanspruchen.
Wer unbescheiden ist, ist leicht mit jemandem zu verwechseln, der einfach nur mehr haben will, als ihm zusteht. Wer einfach nur mehr haben will als ihm zusteht, ist aber von jemandem, der unbescheiden ist, zu unterscheiden. Wer unbescheiden ist, will nämlich nicht einfach nur etwas haben, was ihm nicht zusteht. Vielmehr glaubt der Unbescheidene, einen Anspruch auf das zu haben, was er haben will. Ein Bankräuber ist nicht unbescheiden, weil er natürlich nicht glaubt, einen Anspruch auf seine Beute zu haben. Herbert hingegen will nicht nur drei Plätze; Herbert glaubt, einen Anspruch auf drei Plätze zu haben.
Herbert irrt sich: Er darf durchaus einen Platz für sich beanspruchen, aber er darf keinen Platz für seinen Dackel Harro und seine Tasche beanspruchen.
Unbescheidene Personen irren sich auf zwei verschiedene Arten:
Irrtumsart 1: Die unbescheidene Person irrt sich im Allgemeinen. Anne ist im 8. Monat schwanger. In der Bahn verlangt sie einen Sitzplatz. Anne glaubt, schwangere Frauen dürften einen Sitzplatz beanspruchen. Das stimmt aber nicht. Die allgemeine Aussage, dass Schwangeren ein Sitzplatz zusteht, ist falsch.
Irrtumsart 2: Die unbescheidene Person irrt sich im Besonderen. Thomas schneidet sich leicht in den Finger. Er geht in die Notaufnahme des Krankenhauses und fordert, vor den anderen behandelt zu werden, weil schwere Notfälle doch bevorzugt zu behandeln sind. Die allgemeine Aussage, dass schwere Fälle bevorzugt zu behandeln sind, ist wahr. Die besondere Aussage, dass Thomas mit seinem Finger ein besonders schwerer Fall ist, ist falsch.
Unbescheidenheit ist ein Gegenteil der Bescheidenheit. Wer bescheiden ist, ist nicht unbescheiden. Eine bescheidene Person fordert und beansprucht somit nicht mehr als ihr zusteht. Nicht mehr zu fordern, als einem zusteht, kann aber zwei Formen annehmen:
Form 1: Die Person fordert genau das, was ihr zusteht.
Form 2: Die Person fordert weniger als ihr zusteht.
Eine Person, die genau das fordert, was ihr zusteht, (Form 1) ist nicht unbescheiden, aber sie ist auch nicht bescheiden. Sie ist nicht unbescheiden und nicht bescheiden: Fritz hat einen Behindertenausweis und nimmt einen Sitzplatz in Anspruch. Fritz ist nicht bescheiden und nicht unbescheiden.
Eine Person, die weniger fordert als ihr zusteht, (Form 2), ist möglicherweise bescheiden.
Maria hat einen Behindertenausweis. Trotzdem fordert sie in der Bahn keinen Sitzplatz.
Die Antwort auf die Frage, ob Maria bescheiden ist, hängt von der Antwort auf eine andere Frage ab: Wieso verlangt Maria weniger als ihr zusteht? Wieso fordert Maria keinen Sitzplatz?
Hier sind mögliche Antworten:
- Maria hat den ganzen Tag im Büro gesessen und will in der Bahn stehen.
- Maria hat oft ihren Behindertenausweis gezeigt und trotzdem ist niemand aufgestanden. Sie hat aufgegeben.
- Maria hat oft Auseinandersetzungen oder dumme Sprüche erlebt. Das will sie nicht mehr.
- Maria sieht einen alten Mann auf dem Behindertensitzplatz. Dem alten Mann fehlt ein Bein. Dem alten Mann geht es noch schlechter als Maria.
- Maria schämt sich für ihre Behinderung. Keiner soll merken, dass sie behindert ist.
- Die Bahn ist sehr voll. Bevor Maria ihren Platz bekommt, gäbe es ein riesiges Geschiebe und Hin-und-Her-Räumen. Das will Maria allen ersparen.
In all diesen Fällen ist Maria nicht bescheiden. Wer bescheiden ist, hält sich aus einem ganz bestimmten Grund zurück. Wer bescheiden ist, fordert aus einem ganz bestimmten Grund, das was ihm zusteht, nicht. Eine bescheidene Person hält sich nämlich genau deshalb zurück und fordert nicht, was ihr zusteht, weil sie darauf vertraut, dass jedem das Seine zugewiesen wird. Bescheidenheit erwächst aus Vertrauen. Die bescheidene Person glaubt an eine Ordnung, in der verlässlich nach sinnvollen Grundsätzen gerecht verteilt wird. Die bescheidene Person überträgt die Aufgabe der gerechten Zuweisung an eine übergeordnete Person oder eine Gruppe von Personen.
Was es mit diesem Bescheidenheitsvertrauen auf sich hat, erkläre ich an einem anderen Beispiel:
Gunnar, Jacqueline, Ute, Erik und Leander sind bei Torben zum Grillen eingeladen. Torbens Eltern haben sie eingeladen. Torbens Mutter steht am Grill. Für jeden sind zwei Grillwürste vorgesehen. Leander hat erst eine Wurst gehabt. Er nimmt sich aber seine zweite Wurst nicht. Leander hält sich zurück und wartet. Er vertraut darauf, zu bekommen, was ihm zusteht. Leander denkt: “Torbens Mutter wird schon bemerken, dass ich noch keine zweite Wurst hatte, und mir eine zweite Wurst anbieten oder geben.“ Leander vertraut darauf, dass Torbens Mutter innerlich eine Überlegung anstellt, an deren Ende eine Entscheidung steht. Torbens Mutter könnte innerlich diese Sätze zu sich sagen:
„Allen, die erst eine Wurst hatten, steht eine zweite Wurst zu.“
„Leander hatte erst eine Wurst.“
„Ich biete Leander eine zweite Wurst an.“
Nun kann (i) Leanders und Marias Vertrauen berechtigt sein oder (ii) ihr Vertrauen ist nicht berechtigt. Vielleicht (i) sorgt ein Bahnmitarbeiter dafür, dass Maria ihren Sitzplatz bekommt. Vielleicht bietet Torbens Mutter Leander die zweite Wurst an. Vielleicht aber bekommt (ii) Leander nicht seine zweite Wurst und Maria bleibt stehen. Vielleicht kümmert sich Torbens Mutter gar nicht um eine gerechte Verteilung. Vielleicht gibt es gar keine Bahnmitarbeiter vor Ort.
Wer (i) mit Recht darauf vertraut, dass am Ende jedem das Seine zugewiesen wird, ist bescheiden.
Wer (ii) hingegen zu Unrecht darauf vertraut, dass am Ende jedem das Seine zugewiesen wird, ist überbescheiden. Ich nenne diese Art Überbescheidenheit die Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens.
Bescheidenheit gibt es nur in einer insgesamt gerechten Ordnung.
Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens gibt es zum einen in einer Welt, in der ungerechte Verteilungsregeln gelten: Parias dürfen nicht lesen und schreiben lernen; Menschen mit dunkler Hautfarbe dürfen im Bus nicht sitzen. Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens gibt es zum anderen in einer Welt, wo die Personen, die für die Verteilung zuständig sind, sich gar nicht kümmern oder sich nicht an die Regeln halten. Wer sich in einer solchen Welt zurückhält und nicht fordert, was ihm zusteht, ist überbescheiden.
Neben der Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens gibt es noch eine weitere Art der Überbescheidenheit: die Überbescheidenheit der vermeinten Unwürdigkeit.
Clara hält sich beim Essen immer zurück. Sie fordert und verlangt nicht die zweite Wurst oder das größere Stück Kuchen. Ihre Brüder Torben und Erik hingegen fordern und verlangen hemmungslos gar die dritte Wurst und erheben Anspruch auf ein zweites Kuchenstück. Clara glaubt, sie als jüngstes Geschwisterkind und als Mädchen habe auf weniger Anspruch als ihre älteren Brüder. Ihr ist immer gesagt worden: Mädchen sind weniger wert als Jungen! Das ist natürlich Unsinn. Clara verlangt zu wenig wegen einer vermeinten Unwürdigkeit. Clara ist überbescheiden.
So wie bei der Unbescheidenheit gibt es auch bei der Überbescheidenheit zwei Irrtumsarten.
Irrtumsart 1: Die überbescheide Person irrt sich im Allgemeinen. Clara glaubt, Mädchen stehe weniger zu als Jungen.
Irrtumsart 2: Die überbescheidene Person irrt sich im Besonderen. Clara ist im zweiten Monat schwanger. Abends hat sie heftige Bauchschmerzen. Sie geht in die Notaufnahme. Sie weiß, dass schwere Fälle bevorzugt behandelt werden. Sie selbst drängt sich aber nicht vor, weil sie glaubt, so schlimm ist es nicht. „Ich bin kein schwerer Fall“, denkt Clara. Als die Ärztin Clara schließlich untersucht, muss Clara sofort operiert werden. Sie hat eine Eileiterschwangerschaft und droht innerlich zu verbluten. Clara hat sich geirrt. Clara war ein schwerer Fall.
Ich fasse zusammen:
Wer mehr beansprucht oder verlangt als ihm zusteht, ist unbescheiden.
Wer genau das beansprucht oder verlangt, was ihm zusteht, ist nicht unbescheiden, aber auch nicht bescheiden.
Wer weniger beansprucht oder verlangt, weil er mit Recht darauf vertraut, dass jeder das Seine erhalten wird, ist bescheiden.
Wer weniger beansprucht oder verlangt, weil er zu Unrecht darauf vertraut, dass jeder das Seine erhalten wird, ist überbescheiden. Diese Art der Überbescheidenheit ist die Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens.
Wer weniger beansprucht oder verlangt, weil er zu Unrecht glaubt, weniger zu verdienen oder wert zu sein, ist überbescheiden. Diese Art der Überbescheidenheit ist die Überbescheidenheit der vermeinten Unwürdigkeit.
Ich schließe mit einer Klarstellung.
Ich behaupte: Nicht zu fordern, was einem zusteht, gehört wesentlich zur Bescheidenheit. Der bescheidene Leander fordert seine zweite Wurst nicht.
Ich behaupte nicht: Zu verzichten auf das, was einem zusteht, gehört wesentlich zur Bescheidenheit. Der Verzicht ist kein Merkmal der Bescheidenheit. Leander verzichtet nicht unbedingt. Wenn Torbens Mutter Leander die zweite Wurst anbietet, dann kann Leander sie bescheiden annehmen.