Thomas Nisters

Wörterbuch
philo­sophischer Alltags­begriffe

Bescheidenheit

Begriffserklärung

Ich erkläre zunächst ein Gegenteil der Bescheidenheit, die Unbescheidenheit.

Hier ist ein Beispiel für ein unbescheidenes Verhalten:

Herbert hat einen Behindertenausweis. Herbert hat nämlich ein steifes Knie. In der Bahn beansprucht Herbert immer einen Sitzplatz. Einen zweiten Sitzplatz beansprucht Herbert für seinen Dackel Harro und in der Regel stellt er sogar seine Tasche auf einen weiteren Sitzplatz. Herbert belegt drei Sitzplätze. Er glaubt, ein Recht darauf zu haben. Wenn ihm beim Aussteigen niemand hilft, dann regt sich Herbert auf und denkt: „Unverschämt, mir nicht zu helfen! Das hätte es früher nicht gegeben!“

Herbert ist unbescheiden, weil Herbert mehr fordert als ihm zusteht. Herbert steht nur ein Platz zu, er beansprucht aber drei. Und Herbert hat keinen Anspruch darauf, dass ihm andere beim Aussteigen helfen. Er wirft aber innerlich den anderen Fahrgästen vor, ihm nicht zu helfen.

Unbescheidenheit besteht darin, mehr als einem zusteht zu fordern oder zu beanspruchen.

Wer unbescheiden ist, ist leicht mit jemandem zu verwechseln, der einfach nur mehr haben will, als ihm zusteht. Wer einfach nur mehr haben will als ihm zusteht, ist aber von jemandem, der unbescheiden ist, zu unterscheiden. Wer unbescheiden ist, will nämlich nicht einfach nur etwas haben, was ihm nicht zusteht. Vielmehr glaubt der Unbescheidene, einen Anspruch auf das zu haben, was er haben will. Ein Bankräuber ist nicht unbescheiden, weil er natürlich nicht glaubt, einen Anspruch  auf seine Beute zu haben. Herbert hingegen will nicht nur drei Plätze; Herbert glaubt, einen Anspruch auf drei Plätze zu haben.

Herbert irrt sich: Er darf durchaus einen Platz für sich beanspruchen, aber er darf keinen Platz für seinen Dackel Harro und seine Tasche beanspruchen.

Unbescheidene Personen irren sich auf zwei verschiedene Arten:

Irrtumsart 1: Die unbescheidene Person irrt sich im Allgemeinen. Anne ist im 8. Monat schwanger. In der Bahn verlangt sie einen Sitzplatz. Anne glaubt, schwangere Frauen dürften einen Sitzplatz beanspruchen. Das stimmt aber nicht. Die allgemeine Aussage, dass Schwangeren ein Sitzplatz zusteht, ist falsch.

Irrtumsart 2: Die unbescheidene Person irrt sich im Besonderen. Thomas schneidet sich leicht in den Finger. Er geht in die Notaufnahme des Krankenhauses und fordert, vor den anderen behandelt zu werden, weil schwere Notfälle doch bevorzugt zu behandeln sind. Die allgemeine Aussage, dass schwere Fälle bevorzugt zu behandeln sind, ist wahr. Die besondere Aussage, dass Thomas mit seinem Finger ein besonders schwerer Fall ist, ist falsch.

Unbescheidenheit ist ein Gegenteil der Bescheidenheit. Wer bescheiden ist, ist nicht unbescheiden. Eine bescheidene Person fordert und beansprucht somit nicht mehr als ihr zusteht. Nicht mehr zu fordern, als einem zusteht, kann aber zwei Formen annehmen:

Form 1: Die Person fordert genau das, was ihr zusteht.

Form 2: Die Person fordert weniger als ihr zusteht.

Eine Person, die genau das fordert, was ihr zusteht, (Form 1) ist nicht unbescheiden, aber sie ist auch nicht bescheiden. Sie ist nicht unbescheiden und nicht bescheiden: Fritz hat einen Behindertenausweis und nimmt einen Sitzplatz in Anspruch. Fritz ist nicht bescheiden und nicht unbescheiden.

Eine Person, die weniger fordert als ihr zusteht, (Form 2), ist möglicherweise bescheiden.

Maria hat einen Behindertenausweis. Trotzdem fordert sie in der Bahn keinen Sitzplatz.

Die Antwort auf die Frage, ob Maria bescheiden ist, hängt von der Antwort auf eine andere Frage ab: Wieso verlangt Maria weniger als ihr zusteht? Wieso fordert Maria keinen Sitzplatz?

Hier sind mögliche Antworten:

  • Maria hat den ganzen Tag im Büro gesessen und will in der Bahn stehen.
  • Maria hat oft ihren Behindertenausweis gezeigt und trotzdem ist niemand aufgestanden. Sie hat aufgegeben.
  • Maria hat oft Auseinandersetzungen oder dumme Sprüche erlebt. Das will sie nicht mehr.
  • Maria sieht einen alten Mann auf dem Behindertensitzplatz. Dem alten Mann fehlt ein Bein. Dem alten Mann geht es noch schlechter als Maria.
  • Maria schämt sich für ihre Behinderung. Keiner soll merken, dass sie behindert ist.
  • Die Bahn ist sehr voll. Bevor Maria ihren Platz bekommt, gäbe es ein riesiges Geschiebe und Hin-und-Her-Räumen. Das will Maria allen ersparen.

In all diesen Fällen ist Maria nicht bescheiden. Wer bescheiden ist, hält sich aus einem ganz bestimmten Grund zurück. Wer bescheiden ist, fordert aus einem ganz bestimmten Grund, das was ihm zusteht, nicht. Eine bescheidene Person hält sich nämlich genau deshalb zurück und fordert nicht, was ihr zusteht, weil sie darauf vertraut, dass jedem das Seine zugewiesen wird. Bescheidenheit erwächst aus Vertrauen. Die bescheidene Person glaubt an eine Ordnung, in der verlässlich nach sinnvollen Grundsätzen gerecht verteilt wird. Die bescheidene Person überträgt die Aufgabe der gerechten Zuweisung an eine übergeordnete Person oder eine Gruppe von Personen.

Was es mit diesem Bescheidenheitsvertrauen auf sich hat, erkläre ich an einem anderen Beispiel:

Gunnar, Jacqueline, Ute, Erik und Leander sind bei Torben zum Grillen eingeladen. Torbens Eltern haben sie eingeladen. Torbens Mutter steht am Grill. Für jeden sind zwei Grillwürste vorgesehen. Leander hat erst eine Wurst gehabt. Er nimmt sich aber seine zweite Wurst nicht. Leander hält sich zurück und wartet. Er vertraut darauf, zu bekommen, was ihm zusteht. Leander denkt: “Torbens Mutter wird schon bemerken, dass ich noch keine zweite Wurst hatte, und mir eine zweite Wurst anbieten oder geben.“ Leander vertraut darauf, dass Torbens Mutter innerlich eine Überlegung anstellt, an deren Ende eine Entscheidung steht. Torbens Mutter könnte innerlich diese Sätze zu sich sagen:

„Allen, die erst eine Wurst hatten, steht eine zweite Wurst zu.“

„Leander hatte erst eine Wurst.“

„Ich biete Leander eine zweite Wurst an.“

Nun kann (i) Leanders und Marias Vertrauen berechtigt sein oder (ii) ihr Vertrauen ist nicht berechtigt. Vielleicht (i) sorgt ein Bahnmitarbeiter dafür, dass Maria ihren Sitzplatz bekommt. Vielleicht bietet Torbens Mutter Leander die zweite Wurst an. Vielleicht aber bekommt (ii) Leander nicht seine zweite Wurst und Maria bleibt stehen. Vielleicht kümmert sich Torbens Mutter gar nicht um eine gerechte Verteilung. Vielleicht gibt es gar keine Bahnmitarbeiter vor Ort.

Wer (i) mit Recht darauf vertraut, dass am Ende jedem das Seine zugewiesen wird, ist bescheiden.

Wer (ii) hingegen zu Unrecht darauf vertraut, dass am Ende jedem das Seine zugewiesen wird, ist überbescheiden. Ich nenne diese Art Überbescheidenheit die Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens.

Bescheidenheit gibt es nur in einer insgesamt gerechten Ordnung.

Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens gibt es zum einen in einer Welt, in der ungerechte Verteilungsregeln gelten: Parias dürfen nicht lesen und schreiben lernen; Menschen mit dunkler Hautfarbe dürfen im Bus nicht sitzen. Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens gibt es zum anderen in einer Welt, wo die Personen, die für die Verteilung zuständig sind, sich gar nicht kümmern oder sich nicht an die Regeln halten. Wer sich in einer solchen Welt zurückhält und nicht fordert, was ihm zusteht, ist überbescheiden.

Neben der Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens gibt es noch eine weitere Art der Überbescheidenheit: die Überbescheidenheit der vermeinten Unwürdigkeit.

Clara hält sich beim Essen immer zurück. Sie fordert und verlangt nicht die zweite Wurst oder das größere Stück Kuchen. Ihre Brüder Torben und Erik hingegen fordern und verlangen hemmungslos gar die dritte Wurst und erheben Anspruch auf ein zweites Kuchenstück. Clara glaubt, sie als jüngstes Geschwisterkind und als Mädchen habe auf weniger Anspruch als ihre älteren Brüder. Ihr ist immer gesagt worden: Mädchen sind weniger wert als Jungen! Das ist natürlich Unsinn. Clara verlangt zu wenig wegen einer vermeinten Unwürdigkeit. Clara ist überbescheiden.

So wie bei der Unbescheidenheit gibt es auch bei der Überbescheidenheit zwei Irrtumsarten.

Irrtumsart 1: Die überbescheide Person irrt sich im Allgemeinen. Clara glaubt, Mädchen stehe weniger zu als Jungen.

Irrtumsart 2: Die überbescheidene Person irrt sich im Besonderen. Clara ist im zweiten Monat schwanger. Abends hat sie heftige Bauchschmerzen. Sie geht in die Notaufnahme. Sie weiß, dass schwere Fälle bevorzugt behandelt werden. Sie selbst drängt sich aber nicht vor, weil sie glaubt, so schlimm ist es nicht. „Ich bin kein schwerer Fall“, denkt Clara. Als die Ärztin Clara schließlich untersucht, muss Clara sofort operiert werden. Sie hat eine Eileiterschwangerschaft und droht innerlich zu verbluten. Clara hat sich geirrt. Clara war ein schwerer Fall.

Ich fasse zusammen:

Wer mehr beansprucht oder verlangt als ihm zusteht, ist unbescheiden.

Wer genau das beansprucht oder verlangt, was ihm zusteht, ist nicht unbescheiden, aber auch nicht bescheiden.

Wer weniger beansprucht oder verlangt, weil er mit Recht darauf vertraut, dass jeder das Seine erhalten wird, ist bescheiden.

Wer weniger beansprucht oder verlangt, weil er zu Unrecht darauf vertraut, dass jeder das Seine erhalten wird, ist überbescheiden. Diese Art der Überbescheidenheit ist die Überbescheidenheit des irrigen Vertrauens.

Wer weniger beansprucht oder verlangt, weil er zu Unrecht glaubt, weniger zu verdienen oder wert zu sein, ist überbescheiden. Diese Art der Überbescheidenheit ist die Überbescheidenheit der vermeinten Unwürdigkeit.

Ich schließe mit einer Klarstellung.

Ich behaupte: Nicht zu fordern, was einem zusteht, gehört wesentlich zur Bescheidenheit. Der bescheidene Leander fordert seine zweite Wurst nicht.

Ich behaupte nicht: Zu verzichten auf das, was einem zusteht, gehört wesentlich zur Bescheidenheit. Der Verzicht ist kein Merkmal der Bescheidenheit. Leander verzichtet nicht unbedingt. Wenn Torbens Mutter Leander die zweite Wurst anbietet, dann kann Leander sie bescheiden annehmen.

Fragen

  1. Was ist der Unterschied zwischen Unbescheidenheit und Dreistigkeit?

  2. Was ist der Unterschied zwischen Bescheidenheit und Genügsamkeit?

  3. Manchmal verlangen oder fordern Menschen weniger als ihnen zusteht, um auf diese Weise etwas Bestimmtes zu erreichen. So könnte Leander gar keine Wurst essen, weil er Ute beeindrucken will. Ute isst nämlich kein Fleisch, weil Ute Tiere liebt. Ute mag Menschen, die Fleisch essen, nicht. Fallen dir noch weitere Beispiele ein? Wäre es angemessen, ein sol-ches Verhalten als Scheinbescheidenheit zu bezeichnen? Oder gibt es treffendere Bezeichnungen?

  4. Manche behaupten: Bescheiden ist, wer nicht zu gut von sich denkt oder redet, und umgekehrt ist unbescheiden, wer zu gut von sich denkt oder redet. Diese Behauptung halte ich für falsch. Wer zu gut von sich denkt oder redet, ist nicht schon deshalb unbescheiden. Vielmehr ist er aufge-blasen oder ein Angeber. Die falsche Behauptung, unbescheiden sei, wer zu gut von sich denkt oder redet, hat aber ihren wahren Kern. Denn oft denken Menschen besonders gut von sich und leiten daraus einen An-spruch auf etwas, was sie wollen, ab. Und oft reden Menschen gut von sich, um zu begründen, dass sie besondere Ansprüche erheben dürfen. Armin war Schulleiter. Seine Nichten studieren und wollen später Lehre-rinnen werden. Bei jedem Familientreffen prahlt Armin, was für ein vor-bildlicher Lehrer er war, wie viel Erfahrung er hat, wie wunderbar er seine Schule geleitet hat. Mit seinem Gerede will er nicht in erster Linie zeigen, wie großartig er ist. Das wäre Angeberei oder Aufgeblasenheit. In erster Linie möchte er vielmehr seinen Anspruch auf Beachtung als Rat-geber untermauern. Er möchte begründen, dass er Anspruch darauf hat, dass andere, insbesondere junge Menschen, seinen ewig langen Ausfüh-rungen andächtig und dankbar zu lauschen haben. Angeberei und Auf-geblasenheit werden somit dann zur Unbescheidenheit, wenn aus den vermeintlich guten Eigenschaften weitere Ansprüche abgeleitet werden. Was hältst du von der Behauptung, unbescheiden ist, wer zu gut von sich denkt oder redet? Bist du meiner Meinung, dass die Behauptung falsch ist?

  5. Manche bestimmen Bescheidenheit so: Bescheiden ist, wer nicht zu hoch hinaus will, wer sich mit dem zufrieden gibt, was er hat. Was hältst du von dieser Bestimmung? Steht diese Bestimmung im Widerspruch zu dem, was ich im Artikel erkläre.

  6. Manche sagen: Wer bescheiden ist, glaubt an einen guten, allmächtigen, allwissenden und gerechten Gott. Denn nur ein solcher Gott sorgt dafür, dass jedem das Seine in der Welt zuteil wird. Was hältst du davon?

  7. Wer bescheiden ist, unterlässt es, zu verlangen, was ihm zusteht, zu for-dern, worauf er einen Anspruch hat, oder sein Recht selbst durchzuset-zen. Bescheidenheit ist demnach eine Unterlassungstugend. Fallen dir weitere Unterlassungstugenden ein?

  8. Manche behaupten: Wer bescheiden ist, wälzt Verantwortung ab. Jeder ist doch selbst dafür verantwortlich, das einzufordern, was ihm zusteht. Was hältst du von dieser Behauptung?

  9. Wer überbescheiden ist, unterlässt es, zu verlangen, zu fordern, sein Recht selbst durchzusetzen, obwohl er es tun sollte. Überbescheidenheit ist demnach ein Unterlassungslaster. Fallen Dir weitere Unterlassungslas-ter ein?

  10. Eine bescheidene Person fordert nicht ein, was ihr zusteht. Eine beschei-dene Person wird äußerlich nicht tätig. Wie sieht es aber in der beschei-denen Person aus? Bildet eine bescheidene Person sich ihr eigenständiges Urteil über das, was ihr zusteht? Oder überlässt eine bescheidene Person auch das Urteil über das, was ihr zusteht, anderen?

  11. Sollten Eltern ihre Kinder zur Bescheidenheit erziehen? Und wenn Eltern ihre Kinder zur Bescheidenheit erziehen wollen, wie sollen sie das ma-chen?

  12. Wäre Leander auch dann noch bescheiden, wenn er sich nicht völlig zu-rückhält, sondern höflich um eine zweite Wurst bittet? Passen Bitten und Bescheidenheit zusammen?

  13. Im Artikel kommen zwei Personen vor, die sich irren. Herbert irrt sich. Herbert glaubt, Anspruch auf drei Sitze zu haben. Herbert hat aber nur Anspruch auf einen Sitz. Clara irrt sich. Clara glaubt, nur Anspruch auf weniger Essen zu haben als ihre Brüder, weil sie ein Mädchen ist. Clara hat aber auf so viel Essen Anspruch wie ihre Brüder. Herbert irrt sich zu seinen Gunsten; Clara irrt sich zu ihren Ungunsten. Herbert ist auf Grund seines Irrtums unbescheiden. Clara ist auf Grund ihres Irrtums überbescheiden. Nun gibt es vermeidbare und unvermeidbare Irrtümer. Wer sich irrt, kann diesen Irrtum manchmal vermeiden und ist somit verantwortlich für den Irrtum. Wer sich irrt, kann diesen Irrtum manchmal nicht vermeiden und ist nicht verantwortlich für den Irrtum. Wie würdest du Herberts Unbescheidenheit und Claras Überbescheiden-heit dann beurteilen, wenn ihr Irrtum vermeidbar wäre? Wie würdest du Herberts Unbescheidenheit und Claras Überbescheidenheit beurteilen, wenn ihr Irrtum unvermeidbar ist?

  14. Menschen können unbescheiden oder bescheiden sein mit Blick auf un-terschiedliche Güter: Essen, Geld, Anerkennung, gesellschaftliche Stel-lung, Beachtung, Redezeit. Gibt es Güter, mit Blick auf die Menschen nicht bescheiden oder unbescheiden sein können?

  15. Ist die Überbescheidenheit nicht eher eine Scheinbescheidenheit? Ein tu-gendhaftes Verhalten, das auf einem Irrtum beruht, ist doch eine Art von Scheintugend: Wer sich eine Gefahr stellt, die er gar nicht erkennt, ist scheintapfer. Wer aus Versehen einen 50 Euro-Schein als Trinkgeld gibt, weil er ihn mit einem 10 Euro-Schein, ist scheingroßzügig.

  16. Worauf genau vertraut die bescheidene Person? Vertraut Leander da-rauf, dass Torbens Mutter ihm gleich die zweite Wurst anbieten wird? Vertraut Leander darauf, dass er beim nächsten Grillfest eine Wurst mehr als ihm zusteht bekommen wird? In diesen Fällen läge eine Art rechnendes Vertrauen vor. Ist das Bescheidenheitsvertrauen tatsächlich ein rechnendes Vertrauen?

  17. Kann eine Person in einem Bereich bescheiden sein und in einem ande-ren Bereich nicht? Kann Leander in der Familie und unter Freunden be-scheiden sein, in der Schule aber nicht?

Quellen

In den Artikel über die Bescheidenheit sind Gedanken eingeflossen aus diesen Werken:
Otto Friedrich Bollnow, „Die Tugend der Bescheidenheit“; in: Die Sammlung (11), Jahrgang 1956, 225 – 233;
Nicolas Bommarito, „Modesty and Humility“; in: Stanford Encyclopedia of Philosophy (2018);
David Hume, „Of Impudence and Modesty“; in: David Hume, Essays Moral, Political, and Literary, herausgegeben von Eugene F. Miller. Indianapolis 1987, 552 – 556.
Nancy E. Snow, „Theories of Humility – An Overview“; in: The Routledge Handbook of Philosophy of Humility, herausgegeben von Mark Alfano, Michael P. Lynch, Allesandra Tanesini. London / New York 2021, 9 – 25.
Den Artikel von Bollnow (1956) und den Artikel von Bommarito (2018) empfinde ich als weniger hilfreich, weil keine klaren Positionen vertreten werden. Ganz vorzüglich und ausgesprochen lehrreich hingegen ist der Artikel von Snow (2021).
Die Behauptung, dass unbescheiden sei, wer zu gut von sich denke und rede (vgl. Frage 4), findet sich sinngemäß bereits in Humes geistreichem Essay „Of Impudence and Modesty“ von 1741. Die Behauptung findet sich im Artikel von Bommarito (2018) und von Snow (2021), ohne dass der Essay von Hume erwähnt würde. Diese Bestimmung findet sich auch im Oxford English Dictionary (OED): “The quality of being unassuming or of having a moderate opinion of oneself; reserve or reticence arising from an unexaggerated estimate of one’s qualities and abilities; freedom from presumption, ostentation, arrogance, or pride.” (Vgl. https://www.oed.com/dictionary/modesty_n?tab=meaning_and_use#36533926 , aufgerufen am 8. 5. 2026. Vgl. auch die Bestimmung im Advanced Learner’s Dictionary of Current English (Second Edition 1963): “modest … having, showing, a not too high opinion of one’s merits, abilities, etc.”) Es könnte gut sein, dass das deutsche Adjektiv „bescheiden“ sich mit dem englischen Adjektiv „modest“ dem Sinne nach nicht genau deckt.
Die Ausgangsbestimmung, Bescheidenheit bestehe darin, nicht mehr zu verlangen oder zu fordern, als einem zustehe, entnehme ich Georg Walch. Walch schreibt: Bescheiden sei, wer „sich nicht mehr heraus-nimmt, als ihm von rechtswegen gebühret.“ (Philosophisches Lexicon Teil 1, Artikel Bescheidenheit).
Der Artikel zur Bescheidenheit verdankt sich in besonders hohem Maße dem gedanklichen Austausch mit folgenden Personen:
Almut Baumgarten, Prof. Dr. Hans-Ulrich Baumgarten, Ramin Fleckner, Nina Grisard–Tounkaoui, Dr. Leonie Teubler, Till Struve, Clara Günther.
Viele Anregungen verdanke ich der Diskussion im von Prof. Dr. Manuel Lorenz (Philosophisches Seminar der Universität zu Köln) ausgerichteten philosophischen Kolloquium, in dem ich meine Gedanken vortragen durfte.
Den Kerngedanken, dass Bescheidenheit ein Grundvertrauen in eine gerechte Verteilung voraussetzt, verdanke ich Dr. Ellen Möller.

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